Texte

 

zu tagverschloßen

„tagverschloßen“ ist eine Begegnung. Hier ein Mondgedicht Goethes, nächtlich, sehnsüchtig – dort mein Mond-Ich in meiner Nacht, mit meiner Sehnsucht. Zurückgeworfen auf das Wesentliche des Menschseins begegnen sich das Werk des Großen, des Meisters und der musikalische Versuch eines Jetzt-Lebenden im Absolutum der Kunst ( – deswegen vielleicht sogar auf Augenhöhe). | 2018


zu AD TE DOMINE

AD TE DOMINE, dt. „Zu dir, Herr“. Das ist die Wegvorgabe.

Konzentriert, meditativ, durch mein innerstes Menschsein zu Gott (heißt zum Leben) zu kommen – lebendig werden durch Reflektion und Betrachtung. Wie? Allein durch die Schrift, durch die Gnade Gottes und den Glauben an ihn, letztlich durch Christus selbst.

Meine Musik: nichts Allgemeines, nichts „Öffentliches“ oder Vertrautes, nein. Sie sucht immer „das Andere“. Meine Musik: mein Innerstes, Subjektives. Indem ich mich als Mensch, als Individuum zeige, werde ich erst als ein solcher erkennbar. Die Zuhörer: müssen sich hinbegeben in meine Musik, müssen sich ihrerseits konzentrieren, um mich zu finden. Alles andere wäre zynisch. | 2017


zu unbekannt

Textliche Grundlage: Friedrich Nietzsches Jugendgedicht „Dem unbekannten Gotte“ sowie Jean Pauls Blumenstück „Rede des todten Christus vom Himmelsgebäude herab, daß kein Gott sei“ aus dem „Siebenkäs“ und Passagen aus dem Buch der biblischen „Klagelieder“.

Nietzsches Text ruft nach einem Gott, er will „ihn kennen und ihm dienen“. Jean Pauls philosophisch-literarisches Exerzicium beschreibt ein Szenario der Gottesferne, das Alleinsein der Erdenkinder im Weltall. Nietzsche, der spätere radikale Atheist, strebt in seinem Jugendtext nach dem Antlitz Gottes. Jean Paul, der Theosoph und Theophile, versucht sich eine Welt ohne Gott vorzustellen. In Mitten dieser beiden Pole spielt sich das Stück ab.

Die Szene: Versuche einer körperlichen Umsetzung der Texte.

Die Musik: 2 Solisten (Violoncello, Klavier). Umringt von Ensemble. Der Versuch einer „unstofflichen Verkörperlichung“ des Themas.

Zwischen diesen beiden „Thesen“ liegt das Subjekt, das Individuum, das schaut und hört und fragt und hofft und sucht und weiter fragt und weiter sucht und weiter fragt und weiter … | 2017


zu Beschreibung

Schroffe Klangtürme, Trommelgebrüll, Trostloses, Versuche, Worte und Töne zu finden, Klirrendes, Abbrüche, Schluchten, Sentimentales, Angstvolles, Weinerliches, Aggressives, Zerstörtes, Innerliches, Hoffnungsvolles, Sprachloses, Sehnsüchtiges. Das Leben ist eine Irrfahrt – die Musik ist das Leben.

Konfrontiert mit den Begriffen Tod und Sterben ist man erst einmal sprachlos. Es ist zunächst schwierig, sich zu diesen „Grenzwörtern“ zu verhalten – welcher Gestalt auch immer. Deswegen vielleicht, weil das Sterben und das darauffolgende Totsein (kann man denn tot sein, wenn man dann eigentlich nicht mehr ist ?) immer Dinge sind, die man noch vor sich hat – Zukunftsmusik – somit betrifft es einen nicht – vorerst. Die andern sind die, die sterben, die tot sind.

Tod und Sterben – das ist auch gleichzeitig die Überschrift des Gedichtes von Lu Teichmann (1934-2016), das Grundlage, Schlüsselreiz und Erregung dieser Musik war. Ihr, der lieben Lu, ist das Stück in freundschaftlicher Erinnerung gewidmet.

Ausgehend von jener Sprachlosigkeit und der daraus erkennbaren Betroffenheit (es meint doch mich – ), ergeben sich zwei Veraltensformen: aktiv werden oder passiv bleiben. Passiv bleiben hieße schon sterben, also bleibt nur der andere Weg – der Weg. Die Kunst wird immer aktiv. Sie verhält sich zu einer Sachlage. Ich, das Subjekt, äußere mich zum Themenkomplex Tod und Sterben in Form einer Partitur. Das Resultat, die Musik, so abstrakt und verschleiert sie sich manchmal gebiert, bin ich. Ja, das bin ich, das sind meine Gedanken, das ist das Ergebnis meiner geistigen, meiner menschlichen Nachtmeerfahrten. | 2017


zu forgotten horizon

– Versuch eines Werkkommentars –

1. Viola, Horn, Akkordeon, Harfe

die Situation eines eigen-artigen Quartetts

[Klangfarben – Brüche – Altes/Neues?] DIE SITUATION = DIE MUSIK!

2. ein TITEL: gefunden beim Maler Salvador Dalí („im Bild gefunden“)

sein Bild: „Forgotten Horizon“ (hier mit Großbuchstaben)

è ein Bild für meine Musik (?:) [oder kein Bild… oder nur ein Bild…]

è ein Bild für (meine) Musik etc.

è EIN BILD FÜR DIESE SITUATION „MUSIK“, ja.

3. Fazit: es gibt keine Worte über Musik, nicht einmal Bilder über Musik.

Es gibt aber Musik. – Nicht meine oder deine Musik, sondern, das Größte:

DIE SITUATION MUSIK. (benannt, nicht relativ. TOTAL und ABSOLUT) | 2015


zu (…inanitas…)

am 28. dezember 1782 schrieb wolfgang amadeus mozart seinem vater leopold über die neu entstandenen klavierkonzerte KV 413, 414 und 415: „Die Concerten sind eben das Mittelding zwischen zu schwer und zu leicht. Sie sind sehr brillant – angenehm in die Ohren – natürlich ohne in das Leere zu fallen. Hie und da können auch Kenner allein Satisfaction erhalten – doch so – daß die Nichtkenner damit zufrieden sagen müssen, ohne zu wissen warum.“

„ohne in das Leere zu fallen.“ auch wenn mozart (damals 26jährig) mit diesem scheinbar unbedeutenden nebensatz in einem brief an seinen vater das leere (also das scheinbar langweilige, monotone, oberflächliche und uninteressante) eben nicht in den vordergrund holt, sondern sich auf die brillianz und eingängigkeit seiner klavierkonzerte beruft, so hat sich doch der terminus leere – „in all seiner fülle“ – in meinem gedankengang festgesetzt. was mir vorschwebt, ist ein stück, welches einen innerlich projizierten leeren raum (lat. inanitas) als ausgangspunkt für neues oder sogar abenteuerliches hat, ja sogar als notwendigkeit betrachtet, um überhaupt musik in all ihrer größe aufnehmen zu können – so ist es vielleicht sogar möglich, die musik mozarts neu zu erfassen und zu verarbeiten.

so wandern wir in meinem stück „(… inanitas …)“ gedanklich durch räume. leere räume. dennoch gibt es in jedem dieser räume einen (wohlmöglich optischen) reiz, der in unserem innern verarbeitet wird. wir reagieren (oder vielmehr „es“ reagiert) auf eine gegebene situation – eindrücke werden verarbeitet. konturen und strukturen werden erkannt; kontraste werden sichtbar. die leere wird also durch diesen gedanklichen erkenntnisprozeß erfüllt von „etwas“.

durch die möglichkeit des erkennens wird dem entsprechend „die leere“ zu einer manigfachen „vollheit“ – vielleicht sogar zur erfülltheit schlecht hin. der raum vor uns wird zum raum in uns und wird zum raum vor uns. wahrheit kann erkannt werden. die leere – also das subjektiv empfundene nichtvorhanden sein von etwas – als chance der begegnung mit sich selbst und „dem alles“.

ich bin der raum. (es ist der raum.) | 2013


zu phoenix moritur

phoenix – der wiedergeborene.

rast gen morgenröte und verglüht.

brüllt den urlaut des lebens.

bäumt sich auf – zerreist sich.

hetzt sich in todesmanie.

geiferndes funkensprühen.

wirft sich in das licht apolls.

lebenskraft wider lebenskraft.

im vergehen: absolute seinsbejahung.

durch das vergehen neu entstehen.

tod – geburt – tod – geburt …

immer ins licht. in das leben.

der phoenix: gebiert sich selbst,

rauschhaft – aus staub und asche.

wird zum leben per se. zur existenz.

der wiedergeborene.

wir: wiedergeborene. | 2013


zu streichquartett nr. 5

aufspaltungen – die aufspaltung des gefüges. gedanken, sinnbilder, entwicklung und linie, die zusammenwirkung, ja, die grundidee der gemeinschaft (die sich zeigt in form, struktur, in motiv und einzelton): dies soll aufgespalten und dechiffriert werden – also dadurch eigentlich erst definiert werden durch die objektivierung subjektiver (und damit undefinierbarer) muster. eine hommage an helmut lachenmann.

dimorph – als dimorphe quelle des bewußtseins. das bewußtsein ist dimorph, heißt zweigestaltig. das eine: das bewußte bewußtsein – das andere: das unbewußte bewußtsein (also das in das bewußtsein gezogene unbewußte). was trägt weiter? das naheliegende, das erstbeste, das ego, das scheinbar allwissende ich? oder das allgemeine, das göttliche, das mystische, das über-ich, das nicht-ich? niemals vor seinem ego salutieren! nur vor der kunst! (oder wenigstens auf die erlösung ihrer hoffen.) nichts abwägen, sich in der orientierungslosigkeit wohlfühlen – wie im wonnemonat mai sich wohlfühlen. dem gewissen das mitspracherecht entziehen! seine eigene ego-suppe nicht auslöffeln und keine nabelbeschau betreiben. kunst hat nichts mit ego zu tun!!

… im leeren raum – (: im nichts des diesseits). spaltung nicht als selbstzweck, sondern als objektive vorgehensweise eines egobefreiten im „totalen kunstraum nichts“. (gedanken an nietzsche.) das wäre die erlösung!

fazit: „ich und ich“ bedeutet: ich spalte mich in „ego“ und „nicht-ego“ auf, verwerfe das limitierte „ego“ und arbeite nurnoch im absolut objektivem „zustand nicht-ego“, welcher das „du“ (also die größte und objektivste [=reinste!] liebe von mensch zu mensch) bedeutet. jeder nicht-egozentriker wird auch von jedem anderen nicht-egozentriker verstanden.

leben = totale objektivität

kunst = totale objektivität

leben = kunst

kunst = leben

ja zum leben – ja zur kunst:

KUNST REGIERE ALLES!!! | 2012